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Doxy-PEP in der Schweiz: Für wen das Antibiotikum nach dem Sex jetzt infrage kommt

Seit März 2026 gibt es erstmals eine Schweizer Empfehlung zur Doxy-PEP. Wir erklären, wem die Eidgenössische Kommission sie zugesteht, wie gut sie vor Syphilis und Chlamydien schützt, warum sie bei Gonorrhö kaum hilft und wer sie bezahlt.

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Zum ersten Mal eine Schweizer Linie

Doxy-PEP steht für Doxycyclin-Postexpositionsprophylaxe: Nach Sex ohne Kondom wird einmalig das Antibiotikum Doxycyclin eingenommen, um eine bakterielle sexuell übertragbare Infektion (STI) zu verhindern. Im Ausland wird seit Jahren darüber diskutiert, und mehrere Länder haben eigene Empfehlungen. In der Schweiz fehlte lange eine offizielle Orientierung.

Das hat sich geändert. Die Eidgenössische Kommission für Fragen zu sexuell übertragbaren Infektionen (EKSI), die das Bundesamt für Gesundheit (BAG) berät, hat am 19. März 2026 eine Empfehlung zum Einsatz von Doxy-PEP verabschiedet. Das BAG hat sie am 2. April 2026 auf seiner Seite mit den Richtlinien zu HIV und anderen STI veröffentlicht. Es ist eine fachliche Empfehlung an Ärztinnen, Ärzte und Beratungsstellen, kein Gesetz: Sie soll ihnen helfen, im Einzelfall für oder gegen eine Verschreibung zu entscheiden.

Der Anlass ist laut EKSI ganz praktisch. Gesundheitsfachpersonen beobachten seit einigen Jahren, dass Männer, die Sex mit Männern haben (MSM), immer öfter nach Doxy-PEP fragen – häufig informiert durch Empfehlungen aus anderen Ländern. Ein Teil besorgt sich das Medikament ohne Rezept, etwa im Internet. Die Kommission will deshalb zweierlei: weniger Unsicherheit in den Praxen und weniger unkontrollierte Einnahme ausserhalb der Gesundheitsversorgung.

Zum Hintergrund ein paar Zahlen: Laut dem Infoportal des BAG wurden 2025 in der Schweiz 12'707 Chlamydien-Fälle gemeldet, 1,3 Prozent weniger als im Vorjahr. Bei der Gonorrhö waren es 6'894 Fälle, praktisch gleich viele wie 2024, bei der Syphilis 1'167 Fälle, ein Plus von 2,9 Prozent (Stand der Abfrage: Oktober 2026). Diese Zahlen betreffen die ganze Bevölkerung, nicht nur schwule und bisexuelle Männer, und sie zeigen nur die Diagnosen, die gemeldet wurden.

Was die Studien zeigen – und wo ihre Grenzen liegen

Die EKSI stützt sich auf eine 2025 publizierte Übersichtsarbeit. Deren Meta-Analyse fasst drei randomisierte Studien zusammen, die auf die Schweiz übertragbar sind. Teilgenommen haben MSM und trans Frauen, die entweder mit HIV leben oder die HIV-PrEP nehmen. Das Ergebnis, umgerechnet auf 1000 Personen mit hohem STI-Risiko: Mit Doxy-PEP sind 59 statt 180 Chlamydien-Infektionen und 25 statt 98 Syphilis-Infektionen zu erwarten. Das Risiko sinkt damit bei Chlamydien auf rund ein Drittel und bei Syphilis auf rund ein Viertel.

Bei der Gonorrhö, umgangssprachlich Tripper, sieht es anders aus. In der Meta-Analyse zeigte Doxy-PEP keine statistisch gesicherte Reduktion; nur eine der Studien fand überhaupt einen Rückgang. Der Grund: Viele Gonokokken sind bereits gegen Doxycyclin resistent. Bei cis Frauen konnte die bisher einzige Studie keinen Nutzen nachweisen, weil die Teilnehmerinnen das Medikament zu unregelmässig einnahmen.

Auch aus der Schweiz gibt es inzwischen Daten. In einer Beobachtungsstudie innerhalb der Schweizerischen HIV-Kohortenstudie (SHCS), die von November 2023 bis Dezember 2024 lief, wurden 157 Männer mit HIV, die Sex mit Männern haben, im Median 253 Tage begleitet. Wie das European Medical Journal von der Präsentation am Kongress der European AIDS Clinical Society im Oktober 2025 berichtete, sank die Rate aller bakteriellen STI im Vergleich zu den drei Jahren davor von 56,26 auf 30,23 Fälle pro 100 Personenjahre. Am deutlichsten war der Rückgang bei Chlamydien und Syphilis, bei der Gonorrhö zeigte sich kein Schutz. Eine solche Beobachtungsstudie ohne zufällig zugeteilte Vergleichsgruppe ist allerdings weniger aussagekräftig als eine randomisierte Studie.

Genauso wichtig ist, was Doxy-PEP gar nicht kann. Die Aids-Hilfe Schweiz hält fest, dass das Antibiotikum weder gegen HIV noch gegen Viren wirkt, die beim Sex übertragen werden – etwa Hepatitis A und B, Herpes, HPV oder Mpox. Und auch bei Syphilis und Chlamydien ist der Schutz nicht vollständig: Eine Infektion bleibt möglich, besonders wenn die Bakterien gegen Doxycyclin resistent sind.

Für wen die Kommission Doxy-PEP vorsieht

Die EKSI spricht sich ausdrücklich gegen einen unkontrollierten Einsatz aus und unterscheidet drei Gruppen. Für die erste gibt sie eine bedingte Empfehlung dafür ab. Gemeint sind MSM und trans Frauen, die Sex mit Männern haben, die oralen, analen oder vaginalen Sex ohne Kondom mit wechselnden Partnern haben und die in den zwölf Monaten vor Beginn mindestens eine bakterielle STI hatten. Alle drei Bedingungen müssen zutreffen. Für diese Gruppe schreibt die Kommission: «Die Verschreibung von Doxy-PEP sollte angeboten werden.» Entschieden wird gemeinsam mit der Ärztin oder dem Arzt, unter Abwägung von Nutzen und Kosten. Gleichzeitig sollte immer auch ein Schutz vor HIV angeboten werden, etwa die PrEP oder die PEP.

In der zweiten Gruppe bleibt die Kommission neutral: Doxy-PEP kann im Einzelfall erwogen werden, Belege aus randomisierten Studien fehlen aber. Dazu zählt sie MSM und trans Frauen mit erhöhtem Risiko, aber ohne STI-Diagnose im letzten Jahr – ausdrücklich genannt werden Menschen, die Gruppensex oder Chemsex praktizieren. Ebenfalls in diese Gruppe fallen cis Frauen und heterosexuelle Männer mit wechselnden Partnerinnen und Partnern und Sex ohne Kondom, Menschen, die Sex gegen Bezahlung praktizieren, Personen mit einer Indikation für eine HIV-PEP sowie Menschen, die vergewaltigt wurden; ihnen kann Doxy-PEP zusätzlich zur HIV-PEP angeboten werden.

Klar dagegen ist die EKSI bei Menschen ohne erhöhtes Risiko für bakterielle STI, etwa in monogamen Beziehungen oder nach Sex mit Kondom. Als Gegenanzeigen nennt die Kommission Allergien und Unverträglichkeiten sowie eine Schwangerschaft.

Zwei Grundsätze ziehen sich durch das ganze Papier. Erstens gehört Doxy-PEP in ein persönliches Beratungsgespräch, in dem auch PrEP, PEP, Kondome und Impfungen zur Sprache kommen. Zweitens muss, wer Doxy-PEP off-label verschrieben bekommt, über Risiken, Nebenwirkungen und die offenen Fragen zu Mikrobiom und Resistenzen aufgeklärt werden, und diese Aufklärung sollte schriftlich festgehalten werden.

Wie die Einnahme in der Empfehlung beschrieben ist

Die EKSI beschreibt auch das Schema, an dem sich eine Verschreibung orientiert. Es ist kein Plan zur Selbstbedienung, sondern der Rahmen, den die behandelnde Fachperson mit dir bespricht. Vorgesehen ist eine Einzeldosis von 200 Milligramm Doxycyclin, möglichst innerhalb von 24 Stunden und spätestens 72 Stunden nach einem Sexualkontakt ohne Kondom. Mehr als 200 Milligramm innerhalb von 24 Stunden sollten es nicht sein, auch dann nicht, wenn am selben Tag Kontakte mit mehreren Partnern stattfinden. Bei anhaltendem Risiko kann laut Empfehlung eine Einnahme alle 72 Stunden erwogen werden.

Die Nebenwirkungen sind aus der langen Erfahrung mit Doxycyclin bekannt, etwa aus der Malariaprophylaxe oder der Behandlung von Akne. In den Studien waren Magen-Darm-Beschwerden sowie allergische und fototoxische Hautreaktionen am häufigsten. Die Aids-Hilfe Schweiz betont, dass Doxycyclin die Haut deutlich lichtempfindlicher macht; Schutz vor UV-Strahlung ist laut der Organisation unerlässlich, und starke Sonne sollte man meiden. Antibiotika können ausserdem allergische Reaktionen auslösen und das Gleichgewicht der Darmflora stören. Laut Aids-Hilfe Schweiz kann Doxycyclin zusammen mit Alkohol oder anderen psychoaktiven Substanzen schlechter wirken und mehr Nebenwirkungen haben.

Ein Punkt wird oft übersehen: Laut Aids-Hilfe Schweiz kann die Einnahme von Doxycyclin das diagnostische Fenster bei Syphilis und Chlamydien verlängern. Eine Infektion ist dann unter Umständen erst später nachweisbar. Wer Doxy-PEP nimmt, sagt das deshalb beim nächsten Termin, damit Tests und Behandlung angepasst werden können. Die Organisation empfiehlt, Doxycyclin nur unter ärztlicher Begleitung und zusammen mit regelmässigen STI-Tests einzunehmen.

Resistenzen: die offene Rechnung

Der grösste Vorbehalt betrifft nicht den Einzelnen, sondern alle. Wer regelmässig ein Antibiotikum nimmt, fördert Resistenzen – bei den STI-Erregern selbst und bei anderen Bakterien. Die EKSI verweist auf Studien, die Doxy-PEP mit dem Auftreten resistenter Gonokokken in Verbindung bringen, darunter weltweit verbreitete Linien, die auch mit Resistenzen gegen weitere wichtige Antibiotika verknüpft sind. Beschrieben werden zudem Resistenzen bei Staphylococcus aureus und anderen Bakterien. Aus den randomisierten Studien selbst lässt sich die Resistenzentwicklung wegen der kleinen Zahl untersuchter Proben nicht schlüssig beurteilen.

Die Kommission wägt deshalb auf zwei Ebenen ab. Für bestimmte Einzelpersonen überwiegt aus ihrer Sicht der Nutzen. Für die Bevölkerung als Ganzes ist die Bilanz derzeit unklar, weshalb sie keine breite Anwendung empfiehlt. Den Einfluss auf die Resistenzlage in der Schweiz schätzt sie nach heutigem Stand als gering ein, weil nur wenige Menschen Doxy-PEP nutzen wollen und diese Menge im Vergleich zum gesamten Doxycyclin-Verbrauch klein ist. Negative Folgen lassen sich aber nicht ausschliessen. Die Entwicklung sollte deshalb beobachtet werden, etwa in den bestehenden Kohortenstudien SwissPrEPared und SHCS, und mit Blick auf grosse internationale Studien.

Auf europäischer Ebene klingt das ähnlich. Das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) hat am 19. Januar 2026 Überlegungen zur öffentlichen Gesundheit veröffentlicht. Das ECDC empfiehlt, im Einzelfall nach ärztlichem Urteil und nationalen Leitlinien über Doxy-PEP zu entscheiden, und empfiehlt derzeit keinen Einsatz auf Bevölkerungsebene. Das Dokument soll Länder unterstützen, die Doxy-PEP als Teil einer umfassenden Strategie für sexuelle Gesundheit erwägen, und zwar für MSM und trans Frauen mit hohem Syphilis-Risiko. Das ECDC weist darauf hin, dass Resistenzen auch Menschen im selben sexuellen Netzwerk treffen können, die selbst kein Doxycyclin nehmen, und dass die Empfehlungen in Europa stark auseinandergehen.

Rezept, Kosten und warum der Internetkauf keine Abkürzung ist

Doxycyclin ist in der Schweiz nicht zur Vorbeugung von STI zugelassen. Doxy-PEP kann deshalb nur off-label verschrieben werden, und die Kosten tragen laut EKSI die Anwenderinnen und Anwender selbst; die Krankenkasse übernimmt das Medikament für diesen Zweck nicht. Teuer ist es nicht: Die Aids-Hilfe Schweiz nennt für das Generikum rund 15 Franken für zehn Tabletten; je nach Stärke (100 oder 200 Milligramm) entspricht eine Dosis einer oder zwei Tabletten.

Günstig heisst aber nicht beiläufig. Gerade weil sich manche das Medikament ohne Rezept im Internet besorgen, hat die EKSI ihre Empfehlung geschrieben. Die Einnahme sollte in eine medizinische Begleitung eingebettet sein, mit Aufklärung, regelmässigen Tests und einem Schutz vor HIV. Wer sich Doxy-PEP ohne Rezept im Netz besorgt, fällt genau aus dieser Begleitung heraus – und damit auch aus den Kontrollen, die eine Infektion trotz Doxy-PEP rechtzeitig entdecken würden. Bei Medikamenten, die online im Ausland bestellt werden, gibt es laut Aids-Hilfe Schweiz keine Garantie für Wirkstoff, Dosierung oder das Fehlen anderer schädlicher Inhaltsstoffe.

Der naheliegende Ort für das Gespräch ist für viele die Stelle, an der sie ohnehin getestet werden. Wer die HIV-PrEP täglich nimmt, dem empfiehlt SwissPrEPared alle drei Monate eine Kontrolle mit STI-Test. Seit dem 1. Juli 2024 übernimmt die Grundversicherung Medikament, ärztliche Leistungen und Laboranalysen der PrEP unter bestimmten Bedingungen, abzüglich der Kostenbeteiligung; eine davon ist, dass die Praxis oder das Zentrum bei SwissPrEPared angeschlossen ist. Auch die Checkpoints in Zürich, Bern, Basel, Luzern, Genf und Lausanne beraten zu sexueller Gesundheit, ebenso die Infektiologie-Sprechstunden der grossen Spitäler, etwa der HUG in Genf, des CHUV in Lausanne sowie im Tessin des Ospedale Regionale di Lugano und des Ospedale Regionale di Locarno. Ob und wie eine Stelle Doxy-PEP verschreibt, entscheidet sie selbst. Frag am besten direkt nach, wenn du einen Termin vereinbarst.

Quellen & Hintergründe

  1. Eidgenössische Kommission für Fragen zu sexuell übertragbaren Infektionen (EKSI) – Empfehlung zum Einsatz von Doxycyclin als Postexpositionsprophylaxe (Doxy-PEP) in der Schweiz ↗Eidgenössische Kommission für Fragen zu sexuell übertragbaren Infektionen (EKSI) · Abgerufen 7. Oktober 2026
  2. Bundesamt für Gesundheit (BAG) – Richtlinien und Empfehlungen zu HIV und anderen sexuell übertragenen Infektionen ↗Bundesamt für Gesundheit (BAG) · Abgerufen 7. Oktober 2026
  3. BAG – Federal Commission for Issues relating to Sexually Transmitted Infections (FCSTI) ↗BAG · Abgerufen 7. Oktober 2026
  4. BAG – Infoportal übertragbare Krankheiten (IDD), Übersicht 2025 ↗BAG · Abgerufen 7. Oktober 2026
  5. Aids-Hilfe Schweiz – DoxyPEP ↗Aids-Hilfe Schweiz · Abgerufen 7. Oktober 2026
  6. SwissPrEPared – Häufig gestellte Fragen (Visiten & Kontrollen) ↗SwissPrEPared · Abgerufen 7. Oktober 2026
  7. ECDC – Public health considerations on the use of doxycycline for post-exposure prophylaxis for bacterial sexually transmitted infections in the EU/EEA ↗ECDC · Abgerufen 7. Oktober 2026
  8. European Medical Journal – EACS 2025: Doxy-PEP cuts chlamydia and syphilis risk in men living with HIV ↗European Medical Journal · Abgerufen 7. Oktober 2026

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